Samstag, 28. September 2013

Ein Jahr danach

Sollte sich hier jemand aus meinem Bekanntenkreis befinden und Unmut bzgl mancher Äußerungen entwickeln, verweise ich ihn auf diesen Blogeintrag
Bin endlich wieder Zuhause. Ich war die letzte Woche mit den Menschen, die ich betreue, im Urlaub in Ostfriesland (Werdum). Viel erlebt, hitzige Disskusionen mit meinen Kollegen übers Essen ;), Politik etc. Wer von euch mit mir auf Facebook verlinkt ist, hat ja schon einiges über meine Einstellung bzgl. der Bundestagswahl und dem idiotischen Barilla-Vorstand mitbekommen. Bevor ich mich hier wieder über die beiden Themen auslasse und unkontrollierte Wutausbrüche erleide, wende ich mich doch lieber einem anderen Thema zu.
Und zwar hatte ich veganen Jahrestag. Im September letzten Jahres fiel die Entscheidung nach zehnjähigem vegetarischen Leben, endlich den konsequenten Schritt zum Veganismus zu beschreiten. Grund genug, einen Rückblick zu wagen - was ist passiert, was hat sich verändert, was ist geblieben?

Die Entscheidung, Veganer zu werden, fiel in einer Zeit, wo ich langzeitkrank war. Man glaubt es kaum, aber auch mit 27 Jahren kann man an Burn-Out erkranken. Mein Leben bestand aus Arbeit, Haushalt, Familientaxi, Arbeit, Garten, Haustieren, Arbeit. Irgendwann beschränkte sich mein Schlaf aus zwei Stunden die Nacht, ich kam einfach nicht mehr zur Ruhe. Das hielt ich zwei Wochen durch, erlitt einen kleinen Nervenzusammenbruch und wurde sofort von meinem Hausarzt arbeitsunfähig geschrieben...lange Geschichte.   Bereits mehrere Wochen zuhause, noch etliche Wochen vor mir, befasste ich mich näher mit den Themen Landwirtschaft, nachhaltigen Konsum, Massentierhaltung etc. Dr. Google wurde befragt, Youtube gelöchert... es ist ja nicht so, dass dieses mir neue Informationen gegeben hätte....aber wenn man sich nicht mit bestimmten Themen auseinandersetzt, kann man die damit verbundenen Probleme wunderbar wegignorieren. Und mit diesem Ignorieren war von da an Schluß. Ich disskutierte mit meiner (damaligen noch) Freundin; sie war eindeutig dagegen, dass ich meine Lebensweise umstellte, war sie doch selber überzeugte Fleischesserin. Ich setzte mich durch und nach endlosen Disskusionen schmeckte ihr das Fleisch dann auch nicht mehr, ebenso wie ihrer/unserer Tochter. So wurden wir ein vegetarisch/veganer Haushalt. Da ich viel Zeit hatte, wurde ich zu absoluten Kochfernatikerin, wälzte vegane Blogs, stand ewig am Herd und versuchte Freunde und Bekannte davon zu überzeugen, dass Veganer nicht nur Steine und Gras essen (mein Freundeskreis besteht nahezu komplett aus Fleischessern). Aus veganer Ernährung wurde eine vegane Lebenseinstellung - ich wechselte die Kosmetik, Putzmittel, Kleidung. Ich setzte mich mit Themen wie Plastikkonsum, Palmöl, Biolandwirtschaft und Fairtrade auseinander. Ich hatte viele Ideen, wie was bei uns Zuhause zu laufen hatte - natürlich musste ich Kompromisse eingehen, schließlich lebte ich nicht allein. Meine Freundin ließ sich von vielen Aspekten überzeugen (Vegetarisch, Meidung von Produkten, die an Tieren getestet werden), von anderen nicht (Plastikvermeidung, Fairtrade). Meine Lebensqualität zog ich aus dem bewussten Umgang mit unseren Gütern, sie aus dem "lustvollem Konsum". Wir konnten uns arrangieren, fanden Kompromisse und zumindest ich war glücklich mit der Art, wie sich unser Leben gestaltete.
Ich hatte meinen Weg gefunden, einen Lebenssinn neben meiner Arbeit gefunden und konnte Anfang des Jahres 2013 verändert und gestärkt wieder meinen Beruf aufnehmen. Mir ging es gut, wir fingen an, unsere Hochzeit zu planen und damit unsere gemeinsames Leben. Damals lernte ich, wie sich Glück anfühlt - natürlich gab es Auf und Ab´s; blöde Disskusionen, insbesondere mit meiner Familie und mit diversen Freunden, Arbeitsstress, Terminflut. Aber nichts brachte mich mehr so aus der Fassung, wie noch ein halbes Jahr zuvor. Im März fing ich an, diesen Blog zu schreiben; eigentlich entstand die Idee eher daraus, die Flut meiner Gedankengänge irgendwo lassen zu können, fühlte ich mich doch oftmals von meinem Umfeld unverstanden. Egal, ob es um meine neue Lebensweise oder unsere Hochzeit ging, irgendwie eckte ich überall an, musste mir blöde Kommentare anhören oder betretendes Schweigen aushalten. Der Blog wurde zu meinem Raum, wo ich Gedankengänge, Erlebnisse und Wahrnehmungen lassen konnte. Und das Beste daran war/ist, dass es anscheinend Menschen gibt, die diesen ganzen Schrott auch noch lesen ;) Nee mal ehrlich, ich bin begeistert, dass ich einige treue Leser gewonnen haben und freue mich immer wieder über Mails und Kommentare - Ihr seid die Besten :)
Tja, dann ging alles sehr schnell: Ich hab geheiratet, schwebte auf Wolke 7, legte meinen Namen ab (passend zu meiner neuen Lebenseinstellung). Ich trat dem Bürgerprotest in Ahlhorn bei, wurde aktiv im Protest gegen Massentierhaltung, Schlachthöfe etc.
Nach 75 Tagen Ehe zog ich von Zuhause aus, weil meine Frau nicht mehr mit mir zusammen sein wollte. Ich fiel in ein Loch, sah keinen Sinn mehr in irgendwas, betrank mich. Fand eine Wohnung für mich und meinen heiß geliebten Hund, zog um und schwanke seitdem zwischen "Hey, ich kann mein Leben jetzt ohne Kompromisse führen und uneingeschränkt meinen Beitrag für eine bessere Welt leisten" und "was nützt einem diese ganze Weltverbesserung, wenn man am Ende allein dasteht". Sprich zwischen Motivation und Depression.
Frei nach Hannes Wader "So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar, dass nix bleibt wie es war" - In diesem Jahr habe ich mich vom Workaholic zum Aktivisten für eine bessere Welt verändert. Ich habe meine langjährige Beziehung und damit auch meine Wahlfamilie und mein Zuhause verloren. Allmählich versuche ich mich, mit zahlreichen Rückschlägen, aus diesem Deprisumpf herauszuarbeiten und nach vorne zu sehen. Schließlich habe ich viel gelernt in diesem Jahr und ich weigere mich, dem keine Anerkennung zukommen zu lassen nur weil meine (denkt euch an dieser Stelle jetzt mal gaaaaaaaaanz viele Flüche, die ich lieber nicht schreibe) Frau nicht mehr mit mir leben will. Ich habe gelernt aufzustehen und meine Meinung zu sagen (egal, ob man´s tut oder nicht, die Leute reden eh über einen). Ich bin nicht nur Veganer geworden, ich habe auch gelernt, erhobenen Hauptes dazustehen und zu sagen "Hey, ich bin Veganer, ich bin ne Lesbe und ich bin verdammt stolz drauf". Ein Teil meiner Familie, viele meiner Freunde und Arbeitskollegen haben sich daran gewöhnt, einige wenige disskutieren noch mit mir, viele haben es aufgegeben. Ich hab einfach die besseren Argumente ;)
Ich habe in diesem Jahr zu mir selbst gefunden und dafür ein riesen dickes Dankeschön an mich selbst - Das hab ich gut gemacht!!!

Also abschließend
Was ist passier? - Vieles
Was hat sich verändert? - fast Alles
Was ist geblieben? - Die Liebe zu meiner Frau und mein Hang zu Depressionen; aber manche Sachen brauchen auch ein paar Tage länger für ne Veränderung.


PS: Da das Thema "Homosexualität" momentan in diesem Blog, nur eben kleine Erklärung dazu; mir ist momentan echt nicht nach Gaypride - mein Herz ist gebrochen, aber ich hoffe wirklich, dass irgendwo auf diesem Planeten ein Frau auf mich wartet, die ihr Leben mit mir teilen möchte und wir glücklich werden können. Aber momentan will ich das nicht, im Moment will ich....ich weiß es nicht...aber bloß keine Beziehung und schon gar nicht mich näher mit dem auseinandersetzen, was ich verloren hab.

Ohhhhhhhhh, wenn ich mir das selber durchlese, nervt dieses viele Herzschmerz, Keiner-liebt-Mich total. Wann geht das denn endlich weg???
Hab aber in diesem Zusammenhang ein neues Projekt gestartet - als Standard-Dorfkind ist der Genuß von Alkohol für mich ein regelmäßiger Zeitvertreib. Da sich mein Konsum in letzter Zeit jedoch häuft und damit auch die Morgende, an denen ich denke "Du bist so dämlich", habe ich jetzt beschlossen, dem Alkohol abzuschwören. Inwieweit ich das wirklich durchhalte, steht in den Sternen, aber das Vorhaben steht. In ein paar Tage werde ich meine Ehe beerdigen (im wahrsten Sinne des Wortes) und dabei mit ein paar ausgewählten Leuten unseren Hochzeitschampagner trinken und dann ist entgültig Schluß. Hab nämlich jetzt was gelernt:
"Die Erinnerung an eine verlorene Liebe in Alkohol ertränken zu wollen ist töricht. Alkohol konserviert."

So, jetzt hab ich fertig :) Was für ein Jahr!!!

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