Dienstag, 29. Oktober 2013

Demonstrationsfieber

Es hat mich gepackt - das Demonstrationsfieber.
Bis vor wenigen Monaten wäre mir im Traum nicht eingefallen, auf Demonstrationen zu gehen. Ich teilte immer die allgemein übliche ländliche Einstellung "Demonstranten sind extrem und radikal" und zu dieser Personengruppe zähle ich mich absolut nicht.
Geändert hat sich meine Einstellung durch die Mitwirkung beim Bürgerprotest gegen den Schlachthof in Ahlhorn. Auf einmal wuchs in mir das Bewusstsein dafür, das man durch sein Handeln etwas bewegen kann. Demonstrationen erweisen sich in diesem Sinne als besonders hilfreich, da man in relativ kurzer Zeit, relativ viele Menschen für ein bestimmtes Thema aufmerksam machen kann. "Wir sind hier und wir sind laut", damit uns möglichst viele Menschen hören und von denen möglichst viele auch darüber nachdenken, was man zu sagen hat.
Es begann mit einer kleinen Demo in Großenkneten vor dem Rathaus, wo ich noch leicht überfordert dran teilnahm. In Nienburg demonstrierte ich gegen den Wiesenhofschlachthof aus Wietzen, kämpfte gegen ein schlechtes Gewissen, da in Wietzen meine Großmutter lebt ("hoffentlich sieht die mich nicht"), trug dennoch motiviert Transparente und rannte letztlich vor der Polizei weg. Es folgte die Megademonstrations mit 7000 Menschen gegen die Rothkötterschlachterei in Wietze, bei der ich lautstark mitbrüllte und meinen Unmut kundtat. Bei der Demonstration in Ahlhorn war ich dann bereits super ausgerüstet mit Hühnermaske und Megafon und führte den Demonstrationszug mit an.
Es werden Mahnwache bei einer Hubertusmesse und "Pelzfrei"-Demo demnächst folgen.
Warum das Ganze? Kann man dadurch wirklich etwas verändern?
Bei Facebook verfolge ich interessiert eine Seite, die sich "Wut auf der Straße" nennt, Bilder und Videoaufnahmen von deutschlandweiten Demonstrationen - dieser Titel trifft absolut zu. Es geht um das Thema Wut, Wut über die Umstände, wie unsere Welt funktioniert. Wut darüber, wie wir Menschen andere Menschen, Tiere und die Natur mit Füßen treten. Wut darüber, wie Medien die Bevölkerungen verblöden, Geld die Welt regiert, Macht wichtiger wird als Liebe, Politiker korrupt werden und die Justiz die falschen Menschen und Anliegen schützt und unterstützt.
Bild aus dem Netz von einer Maidemo

Es gibt Menschen, die Fressen ihre Wut in sich rein, Menschen, die ihre Wut rausschreiben oder darüber Reden/Debattieren und halt die Menschen, die ihre Wut rausschreien, auf die Straße gehen, aktiv versuchen, den Umstand der sie wütend macht, zu ändern.
Wut ist eigentlich ein destruktives Gefühl, zerstörerisch und gewalttätig. Natürlich gibt es immer wieder Demonstrationen, die eskalieren, die Wut überkocht und es zu Ausschreitungen kommt. In erster Linie fällt mir da Frankreich ein, ein sehr demonstrationsfreudiges Land, welches für seine angezündeten Autos berühmt sind.
Diese Wut meine ich jedoch nicht; ich schreibe von der Wut, die einen förmlich dazu zwingt, von seinem Sofa aufzustehen und aktiv zu werden.

Ich bin mit Sicherheit ein sehr umgänglicher Veganer, ich missioniere nicht, ich fange selten Disskusionen an, kann meine Meinung jedoch vertreten. Ich beschwere mich nicht, wenn Menschen in meiner Umgebung Fleisch, Eier, Milch konsumieren. Ich höre mir Äußerungen wie, "Ich esse nur sehr wenig Fleisch, nur Bio, nur aus artgerechter Haltung etc" mit einem höflichen Lächeln an und befürworte diese Entwicklung. Jeder Schritt ist ein Schritt in die richtige Richtung. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass "artgerecht" nur die Freiheit ist, ich Fleischessen als Leichenschändung empfinde, Massentierhaltung gedanklich mit Konzentrationslagern gleichsetze, in der Produktion tierischer Lebensmittel nur Kinderraub/-mord, Misshandlung und Leid sehe usw. usw. Ich bin ein soziales Wesen und in einer Welt, wo Fleischessen dazu gehört; nicht zuletzt mein familiärer Hintergrund zwingt mich in die Toleranz und Akzeptanz gegenüber Fleischessern und Tierausbeutung. Dennoch bleibt diese Wut darüber, wie gnadenlos missachtend Menschen mit ihren Mitgeschöpfen umgehen und dabei tut es einfach gut, zwischenzeitig auf die Straße zu gehen und seine Wut raus zu lassen.
Das Thema "Tiere" ist aber nicht das einzige, wofür ich aufstehe; "Christopher Street Day" (okay, das hat auch was mit Spaß zu tun) "Anti-Monsanto", "Demo-Lampedusa"...es gibt so viele wichtige Veranstaltungen. Neben meinem Hund nimmt diese Form von Aktivismus den größten Teil meiner Freizeit ein.
Warum das Ganze? Einfache Antwort: Ich möchte später nicht vor meinen Kindern stehen (falls ich mal welche hab) und sagen müssen "ich habe von dieser ganzen riesen Ungerechtigkeit auf dieser Welt gewusst, war aber nicht bereit, etwas dagegen zu unternehmen" Ich möchte, dass diese Welt besser wird. Ich habe einen Traum, dass eines Tages....(okay, das wäre jetzt geklaut - siehe Martin L. King), aber mein Traum wäre, dass vielleicht eines Tages der Mensch nicht mehr von der Zerstörung seiner Welt lebt...
Kann ich was damit verändern? Ganz ehrlich - weiß ich nicht...meistens nicht. Die Macht, Entscheidungen zu treffen, liegt leider oft bei den falschen Personen (aus meiner Sicht falschen Personen) Aber die Geschichte hat gezeigt, dass sich immer wieder Menschen erhoben haben und auch gegen stärkere Systeme gewonnen haben (Gleichberechtigung von "Schwarzen" in Amerika, Wahlrecht für Frauen etc.) Ich lebe in diesem Punkt frei nach dem Motto "Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren", von da her werde ich weiter demonstrieren gehen. Und wenn ich von den vielen Menschen, an denen ich vorbei gehe, einer dabei ist, der anfängt, umzudenken und statt dem 1,99 Hähnchen im Angebot ein Hähnchen aus dem Bioladen zu kaufen, dann hat sich etwas bewegt. Und wenn dies ganz oft auf geschieht, kann sich vielleicht das Gesicht der Welt verändern.
Oh, das war aber jetzt ein schöner Abschlusssatz ;)

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