Freitag, 25. Oktober 2013

Die Geschichte eines Widerstandes

Heute habe ich mein "NEIN" abgegeben. "Nein" zu dem geplanten Bau der Schlachtanlage in Ahlhorn im Rahmen der Bürgerbefragung. Damit ist dieser Widerstand für mich zu Ende, Grund genug, Revue passieren zu lassen, was eigentlich alles passiert ist.
Wohl gemerkt, war ich nicht von Anfang an bei dem Bürgerprotest dabei, eigentlich bin ich eher durch Zufall darauf gestoßen. Viele Sachen habe ich aufgrund meiner recht unfreundlichen Arbeitszeiten nicht mitbekommen und wie ihr bereits wisst, bin ich kein Meister darin, mit Fakten/Statistiken und Zahlen um mich zu werfen. Ich beschreibe meine Wahrnehmung der Abläufe (untermauert mit einigen Artikeln zu dem Thema).
Beim abendlichen Surfen im Internet las ich die Nachricht, dass im Veggiemaid (veganer Laden in Oldenburg) Unterschriftenlisten gegen den Bau einer Schlachtanlage in Ahlhorn ausliegen - uups, das ist doch meine Gemeinde, was hab ich da denn verpasst???? Der Bau der Schlachtanlage war unter unserem ehemaligen Bürgermeister (CDU) bereits nahezu beschlossene Sache. Protest war bereits vorhanden, jedoch ohne Aussicht auf Erfolg. Dieser Bürgermeister verstarb "leider" plötzlich. Versteht mich bitte nicht falsch mit den Anführungszeichen, ich kannte den Mann nicht wirklich. Für mich zählt allein die Tatsache, dass dadurch Neuwahlen stattfanden und mit absolut überraschender Mehrheit ein SPD-Mann zum Bürgermeister gewählt wurde, der sich offenkundig gegen den Schlachtbetrieb aussprach.  In einem meiner ersten Blogeinträge schrieb ich bereits kurz über dieses Thema (hier)
Mit dem neuen Bürgermeister kam der Bürgerprotest richtig in´s Rollen, hatte man doch jetzt großartige Unterstützung auf politischer Ebene. (Kurzvideo dazu hier) Problematisch war nur, dass trotz SPD-Bürgermeister die Mehrheit des Gemeinderates aus CDU/FDP bestand (Schlachthofbefürworter) - eine Schlammschlacht bahnte sich an.
Der Bürgerprotest sammelte mit Unterstützung des "Bündnis Mut" Unterschriften in und außerhalb der Gemeinde. Ich zog mir ne Unterschriftenliste aus dem Internet und ging eigenständig in meinem Dorf sammeln. Nervtötendes Unterfangen mit Landwirten darüber zu disskutieren, warum eine Schlachtanlage schlecht für unsere Gemeinde ist bzw. warum eine zweite Schlachtanlage katastrophal ist (Heidemark betreibt bereits in Ahlhorn ne Putenschlachterei). Ich bekam einige Unterschriften zusammen, aber noch mehr Vorwürfe, Disskusionen, Ablehnung.
Eines Tages beim Einkaufen traf ich eine Gruppe vom Bürgerprotest vor dem Supermarkt (die ich allesamt nicht kannte). Ich wurde um eine Unterschrift gebeten, verneinte dies und wies darauf hin, dass ich selber Unterschriften sammelte. Tja, seitdem war ich dabei ;) Zweimal stand ich mit vor Supermärkten und sammelte Unterschriften. Ich stellte eine Petition in´s Internet diesbezüglich und insgesamt konnten der Gemeinde im Juni um die 3000 Unterschriften gegen den Bau einer neuen Schlachtanlage überreicht werden. (Artikel aus der NZW)
In dieser Zeit setzte ich mich viel mit den Gründen "dagegen" auseinander. Natürlich lag/liegt für mich der Schwerpunkt  bei der Tierausbeutung und der Abartigkeit solcher Anlagen. Aber es gab mehrere Aspekte, die dieses Thema für unsere Gemeinde von zentraler Bedeutung machten. (Belastung des Naturschutzgebietes "Ahlhorner Fischteiche", Dumpinglöhne und Ausländerausbeutung geschieht bereits durch Firma Heidemark in Ahlhorn etc.)
Der Gemeinderat tagte im Juni und sollte über das Bauvorhaben entscheiden. Natürlich standen wir zu einer Kundgebung vor dem Rathaus zusammen und bangten um das Ergebnis (siehe Blogeintrag hier) - anlässlich der riesen Menge Unterschriften wurde jedoch keine Entscheidung getroffen, sondern der Entschluss gefasst, eine Bürgerbefragung durchzuführen - warum man das bei 3000 Unterschriften noch braucht??? Fragt die Politiker, ich weiß es nicht.
Kurz darauf ging meine Ehe in die Brüche und ich bekam nicht mehr viel mit, wie der Protest weiter verlief. Erst im September wurde ich wieder aufnahmefähig dafür und da liefen bereits die Vorbereitungen für die Demonstration am 19.10.13 auf Hochtouren. Ich machte fleißig Werbung, hängte Demoplakate auf, stand im E-Mail-Kontakt mit diversen Organisationen (NABU, 4 Pfoten, Albert-Schweitzer-Stiftung, Slow Food etc.). Zudem schrieb ich Leserbriefe an die Word-West-Zeitung, die groß darin wurde, gegen unseren Protest zu arbeiten und Artikel/Interviews veröffentlichte, die in mir die Wut kochen ließen (siehe hier Interview mit Seeger vom Landvolk und hier   Interview mit Herrn Kreyenborg und hier Kritik durch Landwirte) Die Nächte waren kurz, der Ärger groß. Kurz vor der Demonstration hagelte es auf einmal Nachrichten bei Facebook - überall tauchten Aufrufe zu unserer Demonstration auf (und ich bin mit etlichen Seiten verlinkt). Zwar blieb die Angst, dass die Demonstration zu wenig Teilnehmer hat, aber ich war dennoch schwer begeistert, wie viel Zuspruch diese Aktion bekam.
Tja und dann war die Demo am 19.10. Bericht dazu im Blog hier 
Seitdem ist Abwarten angesagt, aber keine Ruhe. Gespannt verfolge ich die Medien, da unser Protest weite Kreise gezogen hat. Mal schlechte Darstellungen (NWZ siehe hier, zum Verständnis auch die Leserkommentare beachten und Kurzvideo), aber überwiegend positive und unterstützende Darstellungen (Delmenhorster Kreisblatt, TAZ, RTL, Nice Guys, Kreiszeitung und Hallo Niedersachsen)
Am 1.11 ist die Bürgerbefragung abgeschlossen und dann fällt die Entscheidung, was passieren wird. Ich bin sehr gespannt...
Was habe in der Zeit des Widerstandes gelernt?
1. Nicht nur Veganer oder Tierschützer haben die industrialisierte Landwirtschaft satt
2. Natürlich lebt sichs vegan am besten, aber ich respektiere mittlerweile auch die Menschen, die nicht nach dem Motto  "ganz oder gar nicht" leben - auch bekennende Fleischesser ziehen vermehrt ihre Konsequenzen aus der heutigen Massenproduktion, nur halt anders als ich (Reduzierung des Fleischkonsums)
3. Nachhaltige und bewusste kleinbäuerliche Landwirtschaft entspricht nicht meiner Vorstellung von "gutem Leben", da weiterhin Tiere darin ausgebeutet werden. Aber es ist ein guter Gedanke in die richtige Richtung und vielleicht irgendwann auch realisierbar. Ich werde dies auf jeden Fall weiter unterstützen.
4. Die Landwirtschaft ist zur Industrie verkommen; Geld zählt hier mehr als Idealismus - entweder man wächst mit oder man geht unter. Nicht alle Landwirte lassen sich industrialiseren und besonders vor diesen Menschen ziehe ich meinen Hut - sie schlagen ein schweres Gefecht
5.  Es gibt soooooo viele dumme Menschen, die einfach nicht zuhören wollen.
6. Es gibt sooooooo viele Menschen, die auf unterschiedliche Art und Weise und mit unterschiedlichen Ansätzen für eine bessere Welt einstehen
7. Dass viele Politiker und Industrielle (ich stell die nicht umsonst zusammen) lügen ist nicht neu, aber bewusst erlebt habe ich das erst jetzt.
8. Deutschland nähert sich immer mehr amerikanischen Verhältnissen an, besonders in der Landwirtschaft. Wir produzieren billige Lebensmittel auf katastrophale Art und Weise, zerstören landwirtschaftliche Familienbetriebe und unterstützen die großen Massenproduzenten. Viel und günstig, das ist unsere Devise. Nur der Stärkste (oder Korrupteste) überlebt in diesem System, der Kleine geht zu Grunde... Mir war nicht bewusst, dass unsere Entwicklung hier schon so weit fortgeschritten ist (vielleicht darf ich mich mit meinen 27 Lebensjahren entschuldigen, andere in meinem Alter gehen noch dauerhaft auf Partys und interessieren sich noch nicht mal für solche Themen)
9. Die ländliche Idylle gibt es nicht...zumindest nicht hier im Oldenburger Südkreis, der Hochburg von Mastanlagen.
10.Widerstand gegen diese ganze Entwicklung regt sich und lohnt sich - ich weiß nicht, ob diese Schlachtanlage gebaut wird oder nicht. Aber letztlich haben wir viele Menschen mit unserem Anliegen erreicht und vielleicht etwas im Bewusstsein derer verändert. Je mehr Menschen auf derartige Probleme aufmerksam gemacht werden, desto mehr wird sich verändern.
11. Irre, was man auf dem Land alles so erleben kann ;)

So, und jetzt noch sechs Tage auf die Vernunft der Menschen in der Gemeinde Großenkneten vertrauen...

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